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01.07.2011

Niederländer erobern Gastgeberbranche der Region Trier


Dieser Text ist vom 01.07.2011 und könnte inhaltlich veraltet sein.

Interessante Konzepte und engagierte Persönlichkeiten

Tourismus und Niederländer gehören in der Region Trier zusammen: Die Gäste aus dem Nachbarland machen deutlich das Gros der ausländischen Besucher aus. Doch sie kommen nicht mehr nur als Urlauber. Immer mehr Hotels in der Region werden von Niederländern geführt. Was motiviert sie und was machen sie womöglich anders als ihre einheimischen Mitwettbewerber?

Norbert de Wolf leitete mehrere Jahre den Landal GreenParks in Saarburg und übernahm als Geschäftsführer der in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Frankreich aktiven Hotelkollektion Sandton rund ein Jahr lang den Gillenfelder Hof in Gillenfeld in der Vulkaneifel. Er schildert, was immer mehr Niederländer dazu bringt, sich im Gastgewerbe der Region Trier zu engagieren. „Einerseits ist es natürlich die geografische Nähe, wobei Moselland, Eifel und Hunsrück dennoch reizvoll ‚exotisch’ erscheinen. Viele kennen die Gegend von eigenen Ferien her, sie ist ausreichend vertraut. Die Niederländer fühlen sich hier willkommen und das spricht sich herum.“ Ein wesentlicher anderer Faktor sei es, dass die bürokratischen Abläufe in Deutschland als gut definiert und übersichtlich gelten, wenn eine unternehmerische Selbstständigkeit ansteht. „Es gibt kaum böse Überraschungen und man kann sich gut vorbereiten, die Entscheidungswege sind kurz und transparent, sie basieren nicht auf etwas wie Launen.“

Im Vergleich mit den deutschen Wettbewerbern sieht de Wolf gute Chancen für seine Landsleute. „Alle stehen vor denselben Herausforderungen, mit Kreativität und Flexibilität Gäste anzusprechen. Ich erlebe es aber so, dass Niederländer womöglich mit mehr Mumm an die Herausforderungen herangehen, es entspricht sehr ihrer gewachsenen Mentalität.“ Der Generationswechsel in den touristischen Betrieben gerade in ländlichen Gebieten wie der Region Trier, der im Gang ist oder in den kommenden Jahren einsetzt, eröffne niederländischen Gastgebern eine Fülle von möglichen Projekten, die leer stehen und übernommen werden können. „Allerdings ist auch häufig ein Investitionsstau damit verbunden. Es braucht also nicht nur Betreiber, sondern auch Geldgeber, damit die Chancen wirklich genutzt werden können.“

BÖSE ÜBERRASCHUNG INBEGRIFFEN

Kiki Luneau
Kiki Luneau

De Wolfs Wort vom Fehlen böser Überraschungen kann Kiki Luneau so gar nicht teilen. Sie hat gemeinsam mit Erwin van den Maagdenberg das Landgut Strumpffabrik bei Kerpen in der Verbandsgemeinde Hillesheim nach langem Leerstand in ein Domizil für Gruppenferien und –events verwandelt. Im September 2009 feierte die einstige Strumpffabrik und späteres Übergangsheim für Aussiedler den Start in seine Existenz als völlig neu gestaltete Freizeit-Location. Noch sind bis in den Herbst alle Wochenenden mit Hochzeiten, Tagungen, Managementseminaren oder Yoga-Workshops ausgebucht, pro Wochenende kommen bis zu 120 Gäste, so dass auch andere Betriebe der Region vom Engagement des niederländischen Paares profitieren. Aber: „Direkt nebenan im Wald sollen 21 Windräder mit je 186 Metern Höhe aufgestellt werden. Das vertreibt nicht nur die hier lebenden Tiere wie Uhus, Wildkatzen, Luchse oder die hier rastenden Kraniche. Es wird uns auch die Gäste vertreiben und die vielen Investitionen, die wir geleistet haben, im Nachhinein zerstören“, befürchtet Luneau.

Dabei bezeichnet sie sich selbst als umweltbewusst und ökologisch orientiert, das Haus wird beispielsweise mit Pellets beheizt. Die ehemalige Fotografin und ihr Partner haben den Standort in der Vulkaneifel gewählt, weil sie die Schönheit der Natur anzog. „In den Niederlanden ist die Natur schon kaputt gemacht worden, nun will man das auch hier machen. Tourismus und eine energie-industrielle Nutzung der Landschaft in großem Stil vertragen sich nicht. Die Eifel ist ungeeignet für derart gigantische Windparks.“

Sie hofft, dass diese Pläne noch abgewendet werden können. Denn an sich biete das Haus viel Potenzial. „Wir haben ein sehr junges und offenes Team, mehr Jobs werden künftig entstehen können.“ Beispielsweise die Bereiche Café und Catering für die im Landgut stattfindenden Events sind aus der Nachfrage geborene Zusatzdienstleistungen, die ursprünglich gar nicht geplant waren. „Es hat sich so ergeben, weil wir ein Standesamt im Haus haben, und die Hochzeitsgesellschaften wollten dann auch Verpflegung. Wenn sich das Landgut weiter in einer einzigartigen Naturlage entwickeln darf, dann werden wir Wertschöpfung für die Region generieren können.“ Wenn die Rahmenbedingungen jedoch nicht mehr stimmen und der Windpark kommt, sieht Luneau die Zukunft des Landguts skeptisch.

FEINTUNING IN DER MUTTERSPRACHE
Marco Zandbergen hat es an die Obermosel gezogen. Dort hat der Niederländer mit Michael Bingas den Nitteler Hof übernommen und ihn zum Moselhotel Hampshire gemacht. Dass er sich nicht fremd fühlt, beweist schon der Satz „Wir Nitteler schwärmen für die Obermosel“, mit dem er auf seiner Homepage den Leser begrüßt. „Ich war in der Geschäftsführung der Continental Hotels und habe mich eines Tages gefragt, ob ich das wirklich für den Rest meines Lebens machen will“, schildert Zandbergen die Initialzündung für den Entschluss, sich selbstständig zu machen. Nittel kannte er bereits durch einen Job in Luxemburg. „Der Nitteler Hof war nah und vertraut, zugleich in einer erfolgversprechenden Lage. Und mir war klar, dass ich hier viele Möglichkeiten offen habe.“ Nicht nur viel Gestaltungsspielraum erwartete ihn, sondern auch viele notwendige Investitionen.

Marco Zandbergen
Marco Zandbergen
„Raus aus der Masse!“, lautet die Devise des Konzepts, mit dem Zandbergen den „return on investment“ schafft. Er konzentriert sich in seinem Marketing auf belgische und niederländische Gäste. „Das liegt nah, weil für mich als Niederländer der Zugang zu den entsprechenden Portalen dort allein schon wegen der Sprache sehr einfach ist. Das ‚Feintuning’ fällt in der Muttersprache natürlich leicht.“ Aber nicht nur dieser Faktor und der eigene professionelle Background mit dem Bachelor im Hotelmanagement kommen ihm zu Gute, ist er überzeugt. „Es kann sein, dass wir als historisch gewachsene Händlernation besonders offen sind für flexibles Denken und dafür, frischen Wind ins Geschäft zu bringen“, mutmaßt er. Vielleicht sei man mit entsprechend geschulter Initiativkraft eher bereit, in Nischen zu springen. „Wie dem auch sei, es kommt darauf an, ein Gespür für Trends zu haben und ansonsten ‚learning by doing’ zu wagen.“

GUTE ZUSAMMENARBEIT MIT DEN DEUTSCHEN TOURISTIKERN
Mit den Touristikern etwa der Saar-Obermosel-Touristik gebe es eine sehr gute Zusammenarbeit. „Diese deutschen Institutionen leisten für uns eine ganz wichtige Vorarbeit“, betont Zandbergen. Mit dem Heimat- und Verkehrsverein in Nittel existiere ebenfalls eine enge Verbindung: „Wir stärken uns gegenseitig.“ Auch die Wettbewerbssituation im Ort sei gut, er freue sich über jedes gute neue Hotel und Restaurant. Kein Vergleich mit einer Selbstständigkeit in den Niederlanden, wie er meint: „Das wäre für mich einerseits als Lebensumfeld reizlos, andererseits ist dort die Konkurrenz sehr dicht.“ Die Obermosel hingegen sei eine Ferienregion, die noch viel Potenzial hat, gerade weil sie noch nicht so bekannt sei. „Darin stecken große Chancen, etwas zu entwickeln. Außerdem ist die nahe Anbindung an Luxemburg ideal.“

LEGERE ATMOSPHÄRE LOCKT GÄSTE

Nelli Raijmakers und Ad Klaassen
Nelly Raijmakers und
Ad Klaassen

Ein positives Fazit zieht auch Nelly Raijmakers, die in Manderscheid 2005 das damals leerstehende Hotel Am Ceresplatz übernahm. Das unter ihrer Führung mit drei Sternen klassifizierte Haus hat sich voll auf niederländische Gäste konzentriert. „Die schätzen hier die Ruhe, die Wandermöglichkeiten, die Nähe zu den touristischen Highlights an der Mosel“, sagt Raijmakers. Besondere Angebote wie Tourenvorschläge hält sie für Biker bereit, die zumeist in Gruppen von zehn bis dreißig Leuten kommen und die Region auf dem Motorrad erkunden. „So etwas wird lang geplant, daher habe ich so gut wie keine Gäste, die spontan nach Manderscheid kommen und dann hier übernachten.“

Doch diese Touristen mit ihren sorgfältig ausgewählten Reisen erreicht sie nicht mit aufwändiger Werbung. „Dafür brauche ich so gut wie kein Geld auszugeben. Das Hotel ist ein regelrechter Selbstläufer, das von zufriedenen Gästen weiterempfohlen wird.“ Vor allem die ungezwungene und legere Atmosphäre im Haus sei wohl der Grund für die gute Resonanz. „Ob ich da nun etwas anders mache als zum Beispiel meine deutschen Kollegen, weiß ich gar nicht. Ich richte mich nicht an anderen aus, sondern mache einfach mein Ding“, resümiert Raijmakers. Dass ihre Gäste im Auslandsurlaub ganz entspannt mit ihr in der gemeinsamen Muttersprache reden können, sei sicher besonders wichtig. Viele Niederländer können Deutsch, sagt sie, aber es sei letztlich doch bequemer, im vertrauten Idiom zu sprechen. Vielleicht eine Anregung an deutsche Hoteliers, sich um niederländische Sprachkenntnisse zu bemühen – wer als Deutscher etwa an der belgischen Küste Urlaub macht, kann sich schließlich auch darauf verlassen, ohne Fremdsprachenkenntnisse verstanden zu werden.

START IM EIGENEN WOHNWAGEN
Den vergleichsweise leichten Zugang zum wichtigen niederländischen Quellgebiet des Tourismus schätzt auch Edwin van Dongen, der im hochklassigen Campingsegment auf Vier-Sterne-Niveau arbeitet. Er hat den Rißbacher Stellplatz in Traben-Trarbach gepachtet und kürzlich einen neuen Platz in Wintrich aufgebaut, zuvor betrieb er als Eigentümer einen Platz in Mülheim. Doch seine Gäste kommen von überall her, auch aus anderen deutschen Regionen. „Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung“, konstatiert er, blickt allerdings auch auf spannende Zeiten zurück. Als Quereinsteiger ins Gastgeber-Gewerbe ließ er gemeinsam mit seiner Familie in den Niederlanden alles hinter sich: „Ich war selbstständiger Raumgestalter, was mit sehr viel Stress verbunden war. Nun bin ich ‚Rasengestalter’. Ein Jahr lang haben anfangs wir im Wohnwagen gelebt“, schildert der passionierte Camper den beherzten Start.
Edwin (li) und Karel van Dongen
Edwin (li) und Karel van Dongen

Eigentlich sollte die neue Existenz als Campingplatzbetreiber nicht in Deutschland, sondern in Spanien aufgebaut werden. Doch zufällig hatte der Makler, der sein Eigenheim an Käufer vermittelte, auch den Platz in Mülheim im Portfolio. „Ich kannte die Mosel nur von einem einzigen Urlaub, aber die Lage mitten in einem so schönen Weinanbaugebiet hat uns sofort überzeugt. Es ist hier eine völlig andere Welt als in den Niederlanden.“ Auch wenn er, der zuvor an der Maas lebte, nun mit den Moselhochwassern konfrontiert ist – eine gewisse Konstante. Die Affinität zum Umgang mit Kunden und zum Marketing ist ebenfalls etwas, das im Vergleich zu seinem früheren Leben gleich geblieben ist. „Aber im Campingbereich habe ich viel mehr Freiheit“, ist er froh. Der Entschluss, im Moselland zu bleiben, steht fest. Weitere Expansionen seiner Aktivitäten sind schon geplant.


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