Ob KI-Anwendungen, Cloud-Dienste oder Betriebssysteme: Unternehmen nutzen digitale Technologien in der Regel so selbstverständlich wie Strom oder Internet. Gleichzeitig wachsen mit der Digitalisierung die Abhängigkeiten von einzelnen Technologien, Anbietern und globalen Lieferketten. Werden digitale Dienste eingeschränkt, wichtige Komponenten knapp oder Zugänge aufgrund geopolitischer Konflikte blockiert, kann das Innovationen ausbremsen und Lieferketten unterbrechen. Im Extremfall droht sogar Stillstand der Produktion. Die Frage nach digitaler Souveränität rückt damit immer stärker in den Fokus. Sie entscheidet zunehmend darüber, wie handlungs- und wettbewerbsfähig der Wirtschaftsstandort Deutschland künftig sein wird.
Digitale Unabhängigkeit ist eine wichtige Standortfrage
Schon auf den ersten Blick banale, aber in der Praxis ausschlaggebende Faktoren können für Unternehmen zum Problem werden: Wenn beispielsweise der Wechsel von einem Software- oder Cloudanbieter zum anderen kompliziert oder sehr teuer ist, weil Dateiformate nicht kompatibel sind oder Schnittstellen nicht richtig funktionieren, stecken Betriebe in der Abhängigkeit fest.
Hinzu kommen geopolitische Risiken. Viele europäische Unternehmen nutzen etwa KI-Modelle oder digitale Dienstleistungssysteme, die außerhalb Europas entwickelt und betrieben werden. Werden Exportbeschränkungen verschärft, Rechenkapazitäten priorisiert oder Zugänge zu bestimmten KI-Technologien eingeschränkt, kann das unmittelbare Folgen für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit haben.
Das verdeutlicht: Digitale Souveränität ist kein reines IT-Thema, sondern hochrelevant für den Standort und die Wettbewerbsfähigkeit. Was zunächst nach technischen Fragestellungen klingt, kann schnell über Innovations- und Lieferfähigkeit sowie internationale Marktchancen deutscher Betriebe entscheiden.
Selbstbestimmte Nutzung und Gestaltung
Gleichzeitig kann und soll digitale und technologische Souveränität nicht mit Autarkie gleichgesetzt werden. Europa wird auch künftig Teil globaler Innovations- und Wertschöpfungsnetzwerke bleiben. Vielmehr geht es darum, dass Unternehmen oder auch staatliche Stellen jederzeit handlungsfähig bleiben können.
Entscheidend ist dabei, die richtigen Rahmenbedingungen für Innovation, Skalierung und Investitionen zu schaffen. Dann kann Europa technologische Abhängigkeiten reduzieren und seine Wettbewerbsfähigkeit langfristig stärken. Was es konkret dafür braucht, hat die DIHK in einem entsprechenden Positionspapierzusammengefasst. Die wichtigsten Punkte:
1. Schlüsseltechnologien skalieren: Europa verfügt über ausgezeichnete Forschung und starke industrielle Kompetenzen. Allerdings sollten Innovationen schneller in marktfähige Produkte und Geschäftsmodelle überführt werden – insbesondere bei KI, Quantentechnologien und industriellen Datenanwendungen.
2. Digitale Infrastruktur schneller ausbauen: Digitale Souveränität braucht eine leistungsfähige Infrastruktur. Rechenzentren, Glasfaser- und Mobilfunknetze sowie eine sichere und bezahlbare Energieversorgung bilden das Fundament für digitale Wertschöpfung. Dafür sind beschleunigte Genehmigungsverfahren und wettbewerbsfähige Energiepreise notwendig.
3. Offene Standards und Interoperabilität stärken: Die öffentliche Hand sollte konsequent auf offene Standards und interoperable Lösungen setzen. Das erleichtert Unternehmen den Datenaustausch, verringert Anbieterabhängigkeiten und reduziert Lock-in-Effekte.
4. Rolle als Gestalter stärken: Europa sollte digitale Entwicklungen nicht nur regulieren, sondern aktiv mitgestalten. Dazu gehören eine stärkere Beteiligung in internationalen (Standardisierungs-)Gremien oder eine größere Versorgungssicherheit bei Halbleitern und kritischen Rohstoffen.
5. Digitale Kompetenzen ausbauen: Technologie allein schafft noch keine Souveränität. Unternehmen brauchen Fachkräfte, die digitale Technologien verstehen, anwenden und weiterentwickeln können. Digitale Bildung und kontinuierliche Qualifizierung sind deshalb elementar.
Auf guten Voraussetzungen aufbauen
Grund zur Hoffnung gibt die Tatsache, dass die Ausgangslage besser ist als oft angenommen. Deutschland und Europa verfügen über exzellente Forschungseinrichtungen, innovative Unternehmen und starke industrielle Ökosysteme. Wichtig ist nun vor allem schnelles Handeln – denn der Zeitpunkt, aktiv zu werden, ist jetzt.